4
Seit geschlagenen zehn Minuten suchte er schon den Zellentrakt ab und nichts, aber auch gar nichts gab einen Hinweis darauf, wo sie war. Der Drifter lief an den steinernen Wänden entlang und versuchte sich auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten zu konzentrieren.
An sich wäre das natürlich kein großes Problem gewesen, wenn der Zellentrakt nicht ausgesehen hätte, als wäre er in einer Mine gewesen. Dummerweise bezog sich das nicht nur auf den Zellentrakt, sondern auf das gesamte Schiff. Und genau das war der Grund, warum der Drifter sycoraxische Schiffe nicht mochte. Die Sycorax bauten ihre Schiffe nicht im konventionellen Sinne, wie es andere Völker tun. Sie fangen sich Planetoiden und bauen Tunnel und Schiffssteme einfach hinein. Deshalb sieht das Innere eines Schiffes immer aus, wie ein Bergwerk. Leider macht das die Navigation in einem sycoraxischen Schiff nicht leichter, denn das Design der Schiffe ist nicht fest. Jedes unterscheidet sich sowohl innerlich, als auch äußerlich.
Er kam an eine T-Kreuzung, die links abwärts ging und aus dem Zellentrakt hinaus führte. Dementsprechend wandte sich der Timelord nach rechts, da seine Suche noch nicht beendet war. Auf einmal war es etwas dunkler, als vorher und nach nur zwei Schritten stolperte er und rollte unsanft eine Schräge hinunter.
Er landete sitzend, was ihn doch überraschte. Er blickte über seine Schulter zurück und sah, dass die Schräge gar nicht so steil und lang war, wie es sich angefühlt hatte. Der Schreck, den er beim Stolpern bekommen hatte, hatte diesen kleinen Sturz wohl in seinem Kopf intensiviert. Der Drifter stand auf und klopfte sich ab, was aber auch nichts zu bringen schien. Sein Overall und das einstmals blaue Sweatshirt waren mit rotem Sand bedeckt. Wahrscheinlich machte seine Kleidung seiner Haarfarbe gerade scharfe Konkurrenz. Dann bemerkte er, dass die Schweißerbrille, die er normalerweise auf der Stirn trug auch auf den Boden gelandet war. Missmutig hob er sie auf und setzte sie wieder auf. Wenigstens war sie nicht weiter beschädigt gewesen. Als er sie gerade wieder in Position rückte, hörte er was. Ein Klopfen. Eher ein Hämmern, als würde sich etwas gegen eine Tür werfen. Gegen eine der Zellentüren.
Neugierig näherte er sich der Geräuschquelle und horchte. Zu dem Hämmern hatte sich nun ein Stöhnen gesellt, dass er nur allzu gut kannte. Er grinste und betätigte den Türöffner. Sofort stellte er sich in den Türrahmen und fing seine Frau auf. Sie war in vollem Tempo gegen eine Tür gerannt, die nun nicht mehr da war, weshalb der Schwung sie von den Beinen gerissen hatte. Bevor sie aber hingefallen war, war sie in seinen Armen gelandet.
Sie sah nach oben in sein Gesicht. „Hallo, Holly.", grinste er. Erleichtert richtete sie sich auf und küsste ihn. Dann klopfte sie ihm, eher spielerisch auf die Schulter. „Weißt du eigentlich, wie lange ich schon hier drin hocke?" Der Timelord rieb sich die Schulter und antwortete: „Klar. Aber weißt du auch, wie schwer es ist, hier jemanden zu finden?" Holly rollte mit den Augen.
Sie war für drei Jahre seine Begleiterin, bis dann doch mehr daraus geworden war, als bloße Freundschaft. Nach einer zehnjährigen Pause war der Drifter zurückgekehrt, nur um sie wieder mitzunehmen. Er hatte sich in sie verliebt und beide hatten den dummen Gedanken, dass ein Mensch und ein Timelord nicht zusammengehörten. Er hatte den Gedanken völlig über Bord geworfen und sie zu sich geholt. Die beiden Zeitreisenden hatten vor einiger Zeit auf einem Mond in der Nähe des Asatara-Nebels geheiratet und seitdem waren sie noch unzertrennlicher geworden. Sie waren völlig gleichberechtigt, aber in Situationen wie dieser gab Holly ihrem Mann den Vortritt, denn er hatte, was Aliens anging, eindeutig mehr Erfahrung. Sie vergaß immer wieder, dass er schon 401 Jahr alt war.
Der Drifter ging vor, oder besser gesagt zurück, denn er führte Holly die Schräge wieder hinauf und an der T-Kreuzung gingen sie geradeaus und verließen dadurch den Zellentrakt. Der Drifter wusste genau, wo er die Tardis abgestellt hatte, aber dummerweise wusste er nicht, wie er von hier aus in den Lagerbereich kommen konnte. Sie irrten noch eine Weile durch das Schiff, wobei sich Holly vorkam, wie eine Bergarbeiterin. Es erinnerte sie stark an ein unschönes Erlebnis, dass sie vor vielen Jahren in einem Bergwerk im wilden Westen hatte. Sie fühlte sich unwohl.
So groß ein Raumschiff der Sycorax auch war, ewig konnte man ihnen nicht aus dem Weg gehen und da dies ein Kampfkreuzer erster Klasse war, wunderte sich der Drifter, dass sie noch keinem Mitglied der Besatzung begegnet waren. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, sah er sich mit einem Speer einer sycoraxischen Wache konfrontiert, die ihm die Waffe genau ins Gesicht hielt. Als er sich vorsichtig umsah, sah er, dass Holly ein weiterer Speer in den Rücken gepresst wurde.
„Äh, bringt mich zu eurem Anführer?"
Die zwei Wächter sagten nichts, sondern blickten nur grimmig drein, was mit ihren Gesichtern aber auch nicht weiter schwer war. Selbst ein fröhlich wirkender Sycorax wirkte auf andere Rassen grimmig, weswegen die Rasse allgemein als unfreundlich galt. Ihr Eroberungsdrang und Territorialverhalten taten dabei ihr Übriges.
Dem Drifter und Holly wurden die Speere in den Rücken geschoben, was den Beiden unmissverständlich klar machte, in welche Richtung sie zu gehen hatten. Nach ein paar Minuten kamen sie zufälligerweise an der Lagereinheit vorbei, in der der Timelord seine Tardis geparkt hatte. Von hier an merkte er sich sofort, wo sie lang gingen. Nicht sehr viel später merkte er, dass sich im Hintergrund ein Rauschen erhob. Es wurde lauter und lauter, je näher sie dem Licht kamen, dass ihnen am Ende des Tunnels entgegen schien.
Der Drifter war gerne optimistisch eingestellt, aber bei den Sycorax war er gern bereit, seinen Optimismus hinten anstehen zu lassen und Vorsicht die Führung zu übergeben. Dieses Licht am Ende des Tunnels verhieß nichts Gutes. Sogar Holly schien das zu spüren. Und sie hatten recht. Schließlich durchschritten sie die Tür und fanden sich in der Arena eines Kolosseums wieder. Das Rauschen entpuppte sich als hunderte von Sycorax, die alle wild durcheinander sprachen.
Der Timelord und seine Frau wurden in die Mitte der doch recht kleinen Arena gestellt und dort von den Wächtern alleine gelassen. Das Gerede erstarb nach und nach und verstummte schließlich ganz, als die Aufmerksamkeit des ganzen Schiffes auf sie gerichtet war.
Der Timelord nahm seinen ganzen Mut zusammen. Er war oft mutig, aber nicht dumm und er wusste, dass er in Gesellschaft mehrerer hundert Exemplare einer Kriegerrasse war und damit hoffnungslos in der Unterzahl. Er brauchte Diplomatie…oder ein Wunder.
„Ich bin der Drifter vom Planeten Gallifrey aus dem Kasterborous-System!" Unverständliches Gemurmel erhob sich, in dem jedoch zweifellos das Wort „Timelord" herausgehört werden konnte. „Warum haben die Sycorax meine Frau entführt?!" Ein Klacken ließ die beiden umdrehen und durch die Tür, durch die sie selbst geführt worden waren, trat nun ein einzelner der Nichtmenschen mit einem Schamanenstab. Seine großen, roten Augen fixierten den Drifter. „Eure Frau, Timelord, wird das sycoraxische Volk wieder zu Größe führen. Ihre DNA wird uns mit der Stärke eurer Rasse versorgen."Der Drifter runzelte die Stirn. „Bitte was?" „Die Stärke der Timelords. Die, die im Schatten wandeln." Er zeigte auf seine Frau. „Durch ihr Blut? Das wage ich zu bezweifeln." Er verschränkte die Arme. „Ihr habt die falsche Person entführt." Der Sycorax schien verwirrt. „Aber sie ist eure Frau."
„Was sie aber nicht zwangsläufig zu einem Timelord macht. Sie ist ein Mensch."
Was vorher noch als leichtes Gemurmel zu beschreiben war, erhob sich jetzt zu einem allgemeinen aufgeregten Aufschrei. Einige der Sycorax-Frauen wurden sogar ohnmächtig. Davon hatte er noch nie gehört und er fragte sich, was denn diese Aufregung zu bedeuten hatte.
Dann fiel es ihm plötzlich ein. Vor ein paar Jahren hatten die Sycorax versucht, die Erde zu erobern. Sie wurden vernichtend geschlagen und vertrieben, aber anstatt das Schiff einfach ziehen zu lassen, hatten die Menschen den gesamten Stamm vernichtet. Einfach, weil sie es konnten. Seitdem hatten die Menschen in weiten Teilen der Galaxis den Ruf weg, unbarmherzige Monster zu sein. Sie sahen zwar schwach aus, aber das war nur Tarnung.
Der Timelord hob die Augenbrauen und flüsterte zu Holly: „Spiel einfach mit." Sie runzelte erst die Stirn, nickte dann aber. „Ganz recht!", rief er in die Runde. Sie ist ein Mensch. Eine Vorhut. Die Menschen hatten sich bisher mit ihrem Planeten begnügt, aber jetzt wissen sie, was hier draußen los ist und sie werden kommen. Die Timelords haben sie schon besiegt." Zufrieden beobachtete er, wie die Angst um sich griff. Er wünschte, dass er das irgendwie aufnehmen könnte, denn der Drifter war sicher, sowas nie wieder zu sehen. „Und IHR seid die nächsten auf ihrer Liste."
Wie die Königin der Amazonen stand Holly mit den Händen in den Hüften und zeigte plötzlich auf den Schamanen. Total erschrocken wich er einen Schritt zurück und ließ dabei seinen Stab fallen.
„Und ihr Narren habt sie auch noch zu euch auf euer Schiff geholt." Holly blickte in die Runde, als überlegte sie, was man mit dem Schiff machen könnte, wenn die momentane Besatzung erst mal entfernt worden wäre.
„Allerdings wäre sie bereit euch auf ihrer Liste weiter nach unten zu setzen, wenn ihr uns gehen lasst. Ihr werdet erst dann vernichtet, wenn wir zurück kehren." Ohne eine Sekunde zu zögern, hob der Schamane seinen Stab auf und klopfte dann drei Mal auf den Boden. Sofort drehten alle Anwesenden, die noch bei Bewusstsein waren, dem Timelord und dem Menschen die Rücken zu.
Der Drifter griff sich Hollys Hand und sie gingen los. „Aber was passiert, wenn wir wiederkommen sollten?" „Die sind hier weg, bevor die Tardis ganz verschwunden ist. Aber darüber können wir uns Gedanken machen, wenn wir da sind. Wir sollten verschwinden, solange sie noch ängstlich genug sind und so tun, als würden sie uns ignorieren."
Sie gingen so schnell sie konnte, denn der Drifter wusste, dass Rennen die Sycorax stutzig gemacht hätte. Sie erreichte ihr Zeitschiff und verließen diese Zeitzone. Und tatsächlich hatte sich die Tardis noch nicht vollständig dematerialisiert, als das Schiff der Sycorax in den Hyperraum sprang.
„Holly. Meine Holly." Eine Träne rann über sein Gesicht. Darüber war er selber verwundert. Er hatte nicht gedacht, dass sie noch immer so einen Einfluss auf ihn hatte. Holly Scott war eine sehr lange Zeit das absolut Wichtigste in seinem Leben gewesen, so wie er für sie. Er hatte große Schwierigkei-ten gehabt, über ihren Tod hinwegzukommen und hatte sich kurz danach regeneriert. Selbst als neuer Mann brauchte er eine lange Zeit um es zu überwinden und er hatte sich geschworen, nie wieder jemanden so nah an sich heranzulassen. Niemand sollte jemals ihren Platz einnehmen.
Er legte den Ring nicht zurück auf den Boden, sondern direkt in seinen Null-Zeit-Behälter. Er wollte es nicht riskieren, ihn zu verlieren.
Als der Drifter auf den Boden sah, erkannte er ein weiteres Teil seines Lebens. Es war ein Hut. Eine altertümliche Melone, wie sie kaum noch jemand trug. Damals allerdings passte sie recht gut zu ihm.
Er ließ den Hut um den Finger wirbeln, verlor ihn dabei aber fast. Gerade noch fing er ihn auf. „Hoppla. Das hab ich aber früher besser gekonnt." Er grinste über seine Bemerkung. Der Timelord setzte den Hut auf.
Besonders freut es mich natürlich, dass Holly vorkommt.
Ist aber auch schon ziemlich traurig, wie ihre Geschichte dann enden wird. Aber klar, dass der Drifter sie überlebt. Der hat auch eine viel größere Lebensspanne.
Das Ende mag vielleicht traurig sein, aber er wusste worauf er sich einlässt. Er wollte die Jahre an Liebe haben, auch wenn er wusste, dass ihm darauf eine Zeit der Traurigkeit folgen würde. Das war sie ihm wert.