Der einsame Weg
Karin stand am Geländer der Brücke und blickte auf den Fluss. Es war Nacht und es regnete bereits seit Stunden. Sie war bedrückt. So bedrückt, dass sie zuerst gar nicht merkte, dass ein junger Mann neben sie getreten war. Er stellte sich neben sie und lehnte sich mit den Armen auf das Geländer. Schließlich sprach er. „War es wirklich das, was du wolltest?" Sie blickte ihn an, aber er schaute nur geradeaus auf den Fluss hinaus. Am Horizont lockerten sich die Wolken bereits und der Mond kam hervor. Der Mann trug schwarz. Sogar der lange Regenmantel war schwarz gehalten. Ihre eigene knallrote Regenjacke bildete einen starken Kontrast zu ihm. Er hatte die Kapuze aufgesetzt, als Schutz vor dem Regen. Trotzdem konnte Karin sein Gesicht gut sehen. Er war zwar recht blass, sah aber doch gut aus. Seine Stimme war leise und sanft, aber trotzdem äußerst angenehm.
Sie seufzte und überlegte sich kurz eine passende Antwort. Als sie zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis kam, sagte sie nur: „Ich weiß nicht." Sie zögerte kurz und fügte hinzu: „Es tut immer noch weh." Der Fremde nickte und antwortete wissend: „Oh ja. Das tut es." Sie sprach nicht von irgendwelchem körperlichen Schmerz. Es war der Schmerz in ihrem Herzen, den sie meinte. Karin beobachtete den Fremden ganz genau und sie bekam den Eindruck, dass er genau wusste, was sie meinte. „Wird es jemals aufhören?" Endlich sah er sie mit seinen hellblauen Augen an. „Mit der Zeit. Irgendwann." Sie wusste instinktiv, dass sie ihm glauben konnte und dass ihre Sorgen bald ein Ende haben würden.
Er drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken an das Brückengeländer. Schon seit einiger Zeit war kein weiterer Mensch vorbei gekommen. „Und was passiert jetzt?", fragte sie verunsichert. „Das liegt ganz bei dir." „Ich verstehe nicht.", antwortete Karin. Der Fremde blickte vorwärts auf die Straße und als Karin seinem Blick folgte fand, sah sie mitten auf der Straße eine Tür stehen.
Sie traute ihren Augen kaum. Aber obwohl eine Art Panik in ihr aufsteigen sollte, weil dort eine Tür auf der Straße stand, die von nichts gehalten wurde, blieb sie ganz ruhig. „Ich…ich muss da durch?" Er blickte sie freundlich an und nickte stumm. „Kommst du mit?" Jetzt schüttelte er den Kopf. „Aber warum denn nicht? Ich will das nicht alleine machen. Bitte."
Der Fremde stieß sich vom Geländer ab und legte ihr die Hand auf die Schulter. Eine hohle Geste, denn seltsamerweise spürte sie nichts. „Ich kann nicht. Das ist deine Tür. Was immer da hinter ist, ich kann dir dort nicht hin folgen." Karin sah ihm noch mal in die Augen und ging dann langsam auf die Tür zu. Sie blickte nicht nach rechts oder links, als sie die Straße betrat. Ihre Augen waren fest auf die unscheinbare Tür gerichtet, da sie wusste, dass keine Autos kommen würden.
Sie streckte die Hand nach der Türklinke aus und als sie sie berührte, ging die Tür leise und sanft von alleine auf. Dahinter war ein weißer Raum. Karin drehte sich noch mal um und fragte: „Werden wir uns mal wiedersehen?" Der Fremde lächelte und schüttelte den Kopf. Sie hatte schon fast damit gerechnet und war deshalb auch nur halb enttäuscht. Sie wandte sich wieder der Tür zu und schritt hindurch. Die Tür schloss sich wieder geräuschlos.
Der Fremde blickte die Tür noch eine Sekunde an und drehte sich dann wieder dem Fluss zu. Traurigkeit war jetzt auf seinem Gesicht zu sehen. Der Regen ließ langsam nach. Karin hatte nicht bemerkt, dass er trotz des Schauers nicht nass geworden war. Er öffnete seinen Regenmantel und holte aus einer Innentasche etwas hervor, das sehr viel Ähnlichkeit mit einer Sanduhr hatte. Er besah sich die Sanduhr und überhörte dabei die Motorengeräusche, die von der Straße kamen. Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass die Autos wieder da waren und dass die Tür verschwunden war. Die Sanduhr löste sich auf. Der Fremde blickte auf den Fluss und konnte gerade noch für ein paar Sekunden sehen, wie der Körper mit der roten Regenjacke von den Fluten davongetragen wurde. Dann war auch sie in der Dunkelheit verschwunden.
Der Tod seufzte tief und verschwand.